Eine „gesunde“ Irreführung

02-Fotolia_105260485_Subscription_Monthly_XXL

Foto: fotolia.com/Monika Wisniewska

Eine Studie als Aufreger: Ungesunden Lebensmitteln werden künstlich Vitamine zugesetzt, um sie als „gesund“ zu verkaufen. Was gefährlich sein kann.

Nicht wenigen Energy-Drinks, Fruchtgummis, Softdrinks und allerlei anderen Lebensmitteln werden künstlich Vitamine zugesetzt, um nicht wirklich gesunden Lebensmitteln auf diesem Weg ein gesundes Image umzuhängen. Das sind die Ergebnisse einer großen internationalen Studie der großen Konsumentenschutz-Organisation „foodwatch“, deren Folgen natürlich auch bis Österreich reichen: 90 Prozent aller Lebensmittel, die mit Vitaminen beworben werden, sind zu süß, zu salzig und zu fettig. Untersucht wurden 214 Produkte in Deutschland und 430 Produkte in den Niederlanden, auf deren Verpackungsvorderseite mit Vitaminen geworben wird.

Alarmierend

Mit einem alarmierenden Ergebnis: In Deutschland entsprechen 90 Prozent dieser Lebensmittel nicht den Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in den Niederlanden sind es drei Viertel der Produkte.

„Mit wertvollen Vitaminen“ – dieser Werbeslogan klingt schon in den Ohren der kleinsten Konsumenten anregend. Dass selbst Keksen und stark zuckerhaltigen Getränken durch die Beigabe einiger Vitamine ein gesundes Image angeheftet wird, ist überraschenderweise ganz legal. Denn bisher gibt es EU-weit keine gesetzlichen Mindestanforderungen an Lebensmittel, die mit Gesundheitsbotschaften werben.

03-Wallner-Liebmann

Ernährungsexpertin LAbg. Sandra Wallner-Liebmann Foto: www.teresa-rothwangl.com

Übervitaminisierung

Was sich mit diesem bewährten Trick gut verkauft, geht leider sogar manchmal auf Kosten der Gesundheit. Viel weiter als vielleicht gedacht reichen die Konsequenzen dieses Schwindels, sagt die steirische Ernährungswissenschaftlerin Sandra Wallner-Liebmann (sie ist auch ÖVP-Landtagsabgeordnete). Sie macht klar, dass hier ein Problem von großer Dimension auf uns zukommt. Während man mit natürlichen Lebensmitteln nämlich nie zu viel Vitamine zu sich nehmen kann, besteht bei veränderten Produkten „die Gefahr, dass man zu viel erwischt“ nämlich sehr wohl. Und dieses Risiko ist nicht gering. „Vor allem Getränke sind ein Thema, weil dadurch entsprechend größere Mengen aufgenommen werden“, weiß die Expertin. „Dann kommt das schon in einen Bereich, wo es nicht mehr unbedenklich ist“. Wobei die Anzahl der Betroffenen bereits steige, eine konkrete Dimension dazu könne man jedoch noch nicht nennen, sagt Wallner-Liebmann. „In den Notaufnahmen der Kliniken werden solche Fälle bereits gesammelt. Das wird auf jeden Fall schon zum Thema“.

Märkte

Der aus künstlich zugeführten Vitaminen bestehende „gesunde“ Deckmantel problematischer Nahrungsmittel ist also nicht nur irreführend, sondern fügt mitunter sogar erheblichen Schaden zu. Der besonders durch ein Zuviel an Vitamin A und D entstehen kann. Ein Problem, das alle die nicht betrifft, die zum Naturprodukt greifen. „Nur Lebensmittel, die natürlich gewachsen sind, sind für den Menschen verlässlich gesund“, erklärt Wallner-Liebmann – und nennt in diesem Zusammenhang eine alarmierende Zahl: „98 Prozent aller Lebensmittel sind verändert“.

Das große Umdenken

Wobei – und das ist erfreulich – in Österreich zu diesem brisanten Thema bereits ein Umdenken hin zu Naturprodukten im Gange sei. „Der Trend geht wieder eindeutig in Richtung Bauernmärkte und Direktvermarktung – was gut ist“.

 

Die Studie

90 Prozent der im Rahmen der „foodwatch“-Studie untersuchten Lebensmittel in Deutschland entsprechen nicht den Standards der Weltgesundheitsorganisation WHO, in den Niederlanden sind es drei Viertel. Unter die Lupe genommen wurden 214 Produkte in Deutschland und 430 Produkte in den Niederlanden, auf deren Verpackungsvorderseite mit Vitaminen geworben wird.

Die Lebensmittelindustrie setzt hunderten ungesunden und unausgewogenen Produkten künstliche Vitamine zu, um ihnen ein gesundes Image zu geben. In Deutschland negativ aufgefallen sind gesüßte Getränke (75 Produkte), Süßigkeiten (42), Säfte (34) und Joghurts (18).

 

Kommentar

Am Dienstag nahmen die Abgeordneten des EU-Parlaments wieder einmal Anlauf, um mit einer Verordnung Klarheit darüber zu schaffen, wie ungesund (wegen des Gehaltes an Fett, Zucker oder Salz – siehe unsere Story) ein Produkt sein darf, dass die Lebensmittelindustrie mit Zugabe künstlicher Vitamine als „gesund“ bezeichnet. Sie wurde mit 402 zu 285 Stimmen zu Grabe getragen. Sprich, der von Konsumentenorganisationen angeprangerte Trick mit den künstlichen Vitaminen darf weitergehen. Für alle, die das stört, gibt es eine einfache Lösung: Man kaufe gesunde Produkte vom Bauernhof!

 

Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

Kommentieren

*