Ein sehr turbulentes Jahr

Erntebilanz 2015: Mit einem blauen Auge hat die Landwirtschaft den heurigen Hitzesommer überstanden. Titschenbacher verlangt Ausbau der Ernteausfallsversicherung sowie eine Investitions-Offensive für Bewässerungsanlagen.

 

Regen kam nicht für alle Kulturen rechtzeitig. Bauern leiden an Tiefstpreisen. „Auch die Vegetationsperiode 2015 war vom Klimawandel geprägt und für die Bauern sehr herausfordernd. Für einen Großteil der Kulturen und Standorte kam gerade noch rechtzeitig der erhoffte Regen, bei einem Teil kam es allerdings zu erheblichen Einbußen. Gleichzeitig leiden die Bauern an den Tiefstpreisen, insbesondere in den Sparten Äpfel, Schweinefleisch und Milch. Die Erzeugerpreise sind nicht mehr kostendeckend. Es gibt oft keinen Lohn und die Darlehens-Rückzahlungen können vielfach nicht mehr getilgt werden“, fasst Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Titschenbacher das turbulente Bauernjahr 2015 zusammen. In diesem Zusammenhang bekräftigt Titschenbacher seine Forderung nach einem fairen Bauernanteil am Konsumentenpreis. Und er verlangt: „Dass die vom Landwirtschaftsministerium angedachte Exportagentur raschest in die Gänge kommt und mithilft, neue Märkte zu öffnen sowie diesbezügliche bürokratische Hürden abzubauen.“

 

Für viele Kulturen kam Regen in letzter Minute. Bei einigen Kulturen erhebliche Einbußen. Mit 42 Hitzetagen (Messstation Fürstenfeld) war 2015 der heißeste Sommer seit Aufzeichnungsbeginn im Jahr 1767. Aufgrund des voranschreitenden Klimawandels war es allein in der Vegetationsperiode (März bis September 2015) in der Steiermark im Schnitt um 1,3 Grad wärmer und es fielen im Steiermark-Schnitt um 10,5 Prozent weniger Niederschläge. Für einen Großteil der Kulturen kam in letzter Minute erfreulicherweise noch der notwendige Regen. Allerdings kam es bei Holunder, Aronia,  Hopfen, Chinakohl, Käferbohnen und Salaten zu erheblichen Ernteausfällen. Bei Grünland fielen in der nördlichen Oststeiermark (Bezirk Hartberg-Fürstenfeld und Weiz) ein bis zwei Schnitte aus. Auch Mais und Soja haben auf sandig-schottrigen Böden sehr gelitten, während auf sehr guten Standorten sehr gute Erträge erzielt werden konnten. Auch die Weinernte ist bei exzellenter Qualität niedriger ausgefallen. Eine überdurchschnittlich gute Ernte gibt es bei Kürbissen, die Kernölqualität ist erstklassig. Hagel hat in der Steiermark 2015 einen Schaden von 14 Millionen Euro auf einer Fläche von 34.000 Hektar angerichtet. Betroffen waren alle Ackerkulturen inklusive Grünland sowie Wein, Obst- und Gemüsekulturen.

 

Bauern sind sehr innovativ: Fruchtfolge stark ausgeweitet. „Die heimischen Bauern haben die Fruchtfolge zuungunsten von Mais stark ausgeweitet. Als alleinige Bekämpfungsstrategie gegen den Doppelschädling Maiswurzelbohrer ist sie zwar nicht ausreichend. Aber mit zusätzlichen Maßnahmen wie den Einsatz von Sexuallockstoffen und frühem Anbau gelingt es langsam, diesen Schädling zu reduzieren“, unterstreicht Titschenbacher. Für die Bauern war die erhebliche Ausweitung der Fruchtfolge – 40 Prozent mehr Getreide, 58 Prozent mehr gentechnikfreier Soja, 222 Prozent mehr Hirse, 40 Prozent mehr gentechnikfreie Ackerbohnen, 57,6 Prozent mehr Kürbis, aber 27 Prozent weniger Mais gegenüber 2013 – ein großer Kraftakt. Der Grund, so Titschenbacher: „Die Erträge aus den Fruchtfolgepartnern sind oft nicht konkurrenzfähig.“

 

Anpassungsstrategien Klimawandel: Forderung nach Ernteausfallversicherung und einer Offensive für Bewässerungsanlagen.  Trockenresistente Sorten. Der heurige Hitzesommer war einer der extremsten der Messgeschichte. In Österreich gab es in den vergangenen 248 Jahren noch nie einen Juli, der heißer war als heuer, und das seit Messbeginn im Jahr 1767. Die Klimaforscher gehen davon aus, dass Wetterextreme – Hagel, Dürre, Hitze, Stürme und Starkniederschläge – gehäuft auf die Landwirtschaft zukommen. Die Landwirtschaft ist Klimaopfer, aber auch als Produzent von nachwachsenden Rohstoffen Akteur, um den Klimawandel zu bremsen. „Bauern und Landwirtschaftskammer setzen sich mit Klimawandel-Anpassungsstrategien auseinander, um für eine acker- und pflanzenbauliche Zukunft zu sorgen“, betont Präsident Franz Titschenbacher. Konkret sind dies:

  • Die Züchtung arbeitet intensiv an trockenheitstoleranteren Sorten, dieser Entwicklungsprozess schreitet nur langsam voran.
  • „Außerdem müssen Versicherungsmodelle gegen Ernteausfälle bei Mais und Getreide sowie anderen wichtigen Kulturen rasch eingeführt werden. Dabei müssen die Prämien für die Bauern leistbar sein“, fordert Titschenbacher.
  • Weiters verlangt Titschenbacher eine Investitionsoffensive für Bewässerungsanlagen insbesondere bei Obst wie Äpfel, Pfirsich, Marillen, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Aronia. Gleichzeitig verlangt die Kammer beschleunigte und vereinfachte Behördenverfahren bei Genehmigung von Bewässerungsanlagen.

 

Preistief bei Milch, Äpfel und Schweinefleisch. Die schlechte Marktlage für agrarische Produkte setzte sich heuer nach 2014, dem Beginn des Russland-Embargos, weiter fort. Zusätzlich ist die internationale Nachfrage, insbesondere durch China, sehr verhalten. Der Milchpreis gab im Vergleich zum Vorjahr (jeweils Oktober) um rund 20 Prozent nach und liegt derzeit zwischen mageren knapp 30 bis 32 Cent netto. Der Schweinepreis kam im Jahr 2015 auf ein 5-Jahres-Tief zu liegen, der Basispreis liegt aktuell bei 1,26 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Ein Ende der Preismisere bei Schweinefleisch ist noch nicht absehbar. Obwohl die Talsohle beim Milchpreis durschritten scheint und auf den internationalen Märkten die Anzeichen auf Erholung stehen, kann noch keine Entwarnung gegeben werden. Die Obstbauern haben bereits zwei Katastrophenjahre (Ernte 2013 und 2014) mit Preisen deutlich unter den Produktionskosten zu verkraften.

 

Hundert pflanzenbauliche Fachveranstaltungen in den nächsten Monaten. „Das Interesse das Fruchtfolge-Wissen zu optimieren und das Interesse am Wintergetreideanbau sowie für Fruchtfolge-Kulturen wie Hirse, Soja, Ackerbohne oder Kürbisse ist bei den Bauern groß. Derzeit laufen bereits Flurbegehungen, die sehr gut nachgefragt sind“, unterstreicht Kammerdirektor-Stellvertreter Fritz Stocker. Und weiter: „Unsere Experten begleiten die Bauern. In den kommenden Monaten werden hundert pflanzenbauliche Fachveranstaltungen teils auf den Feldern und als Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen stattfinden.“

 

Stocker: Erosionsschutzprojekt, um gegen Starkregen besser gewappnet zu sein.

„Unser Beratungsdienst führt das Erosionsschutzprojekt in der Schwerpunktregion Südoststeiermark durch, damit auch künftig auf Hügellagen Mais, Kürbis und Soja angebaut werden können und der Boden durch die immer heftiger und häufiger auftretenden Starkregen geschützt wird. Dieser Rettungsplan zur Bewirtschaftung auf Hügellagen ist auch deshalb so wichtig, weil der tägliche Verbrauch von fruchtbaren Böden in der Ebene durch Siedlungen, Einkaufszentren oder Straßenbau mittlerweile auf 22 Hektar gestiegen ist.“

Diesen Artikel drucken Diesen Artikel drucken

Kommentieren

*