Ein Blick in die Vergangenheit

Die Lebensumstände der Frauen und Mädchen in der Landwirtschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Das zeigt ein Blick zurück ohne Kitsch und Nostalgie.

 

Das Bild der Bäuerin in der Steiermark hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Die heutige Rolle der Bäuerin als Unternehmerin wurde erst durch eine Vielzahl gesellschaftlicher Entwicklungen möglich. „Im Gegensatz zu Arbeiterinnen und Bürgerinnen, die sich bereits früh im 20. Jahrhundert organisierten und so Gehör verschafften, wurden Frauen im ländlichen Raum lange Zeit als zum Hof des Mannes gehörig wahrgenommen“, weiß Anita Prettenthaler-Ziegerhofer, Professorin am Institut für Österreichische Rechtsgeschichte und Europäische Rechtsentwicklung, die sich in zahlreichen Publikationen mit der Entwicklung der Frauenrechte in Österreich und Europa beschäftigt. „Rein rechtlich waren Bäuerinnen den anderen Frauen gegenüber nicht benachteiligt. Ihre untergeordnete Stellung in der ländlichen Gesellschaft war vielmehr wirtschaftlich und gesellschaftlich bedingt.“

Die konkrete Lebenssituation der steirischen Bäuerinnen war jedoch damals ebenso wenig homogen wie heute – welche Möglichkeiten und Rechte einer Frau oder einem Mädchen auf einem Hof eingeräumt wurden, hing neben der wirtschaftlichen Situation der Familie auch maßgeblich davon ab, wie aufgeschlossen oder patriarchalisch ihr persönliches Umfeld eingestellt war.

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So berichtet Rosina „Sinnerl“ Hirsch stolz, dass ihre Eltern es ihr bereits 1942 ermöglichten, im Alter von 19 Jahren eine fundierte landwirtschaftliche Ausbildung an der renommierten Fachschule Grabenhof zu absolvieren. So war ihre Kindheit am Steinbauerhof in Ganz bei Mürzzuschlag gemeinsam mit ihren 7 Geschwistern zwar geprägt von den vielfältigen Arbeiten, zu denen die Kinder bereits in frühem Alter herangezogen wurden, an eine Ungleichbehandlung im Vergleich mit den Brüdern kann sie sich aber nicht erinnern. „Fleißig mit angreifen mussten wir alle, Buben wie Mädeln. Immerhin hatten wir eine Landwirtschaft und ein gut besuchtes Gasthaus! Da wurde jede Hand gebraucht“, berichtet sie. Trotzdem legten die Eltern Wert auf eine gute Ausbildung all ihrer Kinder.

Eine solche Ausbildung hatte aber bei weitem nicht überall denselben Stellenwert. So berichtet die 1949 geborene Hildegard Fürpass aus Wernersdorf von einer Kindheit, die ebenfalls von harter Arbeit geprägt war. Sie und ihre beiden Geschwister mussten auf der kleinen Wirtschaft in St. Pongratzen nahe Eibiswald fleißig mit anpacken, sodass sie im zarten Alter von 12 Jahren bereits über 700 Schultage gefehlt hatte, an denen sie zuhause als Arbeitskraft unabkömmlich war.

Mit 12 folgte der Umzug nach St. Martin, wo der Vater eine Wirtschaft auf Leibrente erwarb. Neben der wirtschaftlichen Katastrophe für die Familie, die sich das üppig bemessene Ausgedinge vom Mund absparen musste, stürzte der Wechsel in ein gesellschaftlich völlig anderes Umfeld Hildegard auch persönlich in eine Krise: „Was habe ich mich geschämt, mit Zockeln und Schürze in die Schule zu gehen, wo all die anderen Kinder richtige, schöne Schuhe und Kleider trugen“, erinnert sie sich schmerzlich. Dann aber zaubert ihr die Erinnerung an ihre Klassenlehrerin, die sich ihrer annahm, ein Lächeln ins Gesicht. Für die geliebte Lehrerin stahl sie sich auch dann heimlich von daheim fort, wenn der Vater sie zum Arbeiten eingeteilt hatte, um beim Heimkommen ihre Mutter mit rotgeweinten Augen vorzufinden, weil der Vater sie wegen des Ungehorsams der Tochter ausgeschimpft hatte.

So unterschiedlich die Erfahrungen der beiden Frauen in ihrer Kindheit, so ähnlich sind ihre Schilderungen in Hinblick auf ihren Alltag als Bäuerinnen.

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So unterwarfen sich beide ganz selbstverständlich dem Willen der Schwiegereltern: „Ich habe mir gesagt ‚Wer in die Familie hinein kommt, der muss sich anpassen‘, und so habe ich mich eingefügt“, berichtet Rosina Hirsch.

„Als ich erstmals Süßmost machen wollte, hat die Schwiegermami lapidar gemeint, das brauche keiner, wir hätten doch ohnehin keine kleinen Kinder am Hof. Als ich es dann trotzdem probiert habe, war sie davon so begeistert, dass sie bald allen davon erzählte“, schmunzelt Rosina. Auch Hildegard kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wenn sie schildert, wie sie mit ihren fünf Kindern jahrelang in der 16m² kleinen Stube wohnte, weil die deutlich geräumigere „große“ Stube ganz selbstverständlich den Schwiegereltern zustand.

Die beiden Frauen verbindet neben dieser Gabe, sich angesichts aller Lebenssituationen ihren Humor zu erhalten, auch ihr unternehmerisches Wesen: Während Rosina an der Seite ihres Mannes in den frühen Sechzigerjahren neben den Arbeiten am Hof einen der ersten Schlepplifte in Betrieb nahm und die Gäste in ihrem „Liftbuffet“ bekochte und bewirtete, erwirtschaftete sich Hildegard schon von 1961 bis 1963 in einer Zwirnfabrik im schweizerischen Kanton Thurgau ihr eigenes Geld. Kost und Logis erhielt sie gegen tatkräftige Mithilfe in Gasthof und Landwirtschaft bei einer dort ansässigen Tante. Nach ihrer Rückkehr begann sie auf dem Heimathof ihre eigene Hühnerzucht mit rund 400 Tieren.

Aufopfernder Fleiß und unermüdliche Arbeit in allen Bereichen des Betriebs – das scheint der kleinste gemeinsame Nenner dieser Bäuerinnen zu sein. „Freizeit? Gab es nicht“, stellen beide übereinstimmend, aber ohne Bitterkeit fest. „Das war halt so…“

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