Der Traum, ein Star zu werden

Singen sollte „zweckfrei“ sein, meint der Soziologe Manfred Prisching. Aber viele verbinden es mit dem Traum vom Berühmtsein.

Diese Folge markiert das Ende unserer sommerlichen Serie rund um die menschliche Stimme, die wir – wie in den letzten Wochen zu erfahren war – so oft wie nur möglich zum Klingen bringen sollten: Weil es beim Singen auf die Schwingung ankommt, und man sich frei machen kann, indem man einfach drauflos singt. Unser Weg führte uns auch viele Jahrhunderte zurück in die Anfänge des Gesangs, bis hin zur großen Vielfalt dieses Themas, bei der jetzt nur noch eines fehlt – die Castingshows.

Morgen in New York

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„Die Castingshow ist nicht zweckfrei, sondern zielt darauf, ein Star zu werden. … Es soll einen aus dem normalen Leben hinaus-katapultieren.“ Manfred Prisching Institut für Soziologie, Uni Graz Foto: C. Jungwirth

Auf der ganzen Welt erfahren diese derzeit einen Boom, bei uns gibt es sie seit mehr als 15 Jahren. Dem Trend, der in Österreich mit Starmania und Christina Stürmer seinen Anfang nahm, wollen wir das Finale unserer Serie widmen. Den Traum vom Star träumen viele, er wirft allerdings seine Schatten: „Castingshows suggerieren diese Chance: Heute noch bist du ein Niemand, und nächstes Monat bist du in New York. Natürlich ist das alles Illusion, aber man lässt sich gerne verzaubern“, erklärt Manfred Prisching, Professor am Institut für Soziologie an der Uni Graz, den Boom der Shows, wo es darum geht, sich mit Auftreten und Stimme einer Fachjury und dem Publikum zu stellen. Sie seien deshalb so erfolgreich, weil sie einer „Gewinnergesellschaft“ entsprechen würden, so Prisching. Man wolle „ganz vorne dabei sein, dort ist Geld und Ruhm zu finden. In einer elektronischen Gesellschaft, in der tagtäglich die Berühmtheiten, die ‚celebrities‘, als Vorbilder dargestellt werden, ist es naheliegend, dass man ‚dort‘ auch dabei sein will“.

Nicht ins Leben eingebettet

Aber tragen diese Fernsehformate zu einer allgemeinen Belebung des Singens bei? Leider kaum, das sei sogar „eine verfehlte Hoffnung“, meint der Soziologe. Gemeinschaftliches Singen solle nämlich immer vor allem eines sein: zweckfrei. „Man tut es, weil es schön ist, weil man es gemeinsam mit anderen macht, weil es in das normale Leben eingebettet ist. Das gilt für das Streben zur Castingshow nicht. Das ist nicht zweckfrei, sondern zielt darauf, ein Star zu werden. Man macht es üblicherweise nicht zusammen mit anderen. Und es ist nicht Bestandteil des normalen Lebens, sondern ganz im Gegenteil: Es soll einen aus dem normalen Leben hinauskatapultieren“, meint der Experte, der den Stellenwert des gemeinsamen Singens in unserer heutigen Gesellschaft als „ungeheuer wichtig“ und noch immer unterschätzt ansieht. Nicht zuletzt deshalb, weil Singen Vertrautheit schafft – „mit einer Welt jenseits der alltäglichen Nützlichkeit und Notwendigkeit, mit einer Welt, die den Menschen zum Menschen macht“.

Foto oben: fotolia.com/Mykhailo Orlov

 

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