Das Dorf in der Stadt

Straßgang ist einer der am schnellsten wachsenden Bezirke der Stadt Graz. Trotzdem sind die ländlichen Strukturen des ehemaligen Dorfes noch weitgehend erhalten.

 

Die Bevölkerungsstatistik der Stadt Graz zählt 14.860 Straßgangerinnen und Straßganger per 1. Jänner 2015 – Tendenz stark steigend. Der 16. Stadtbezirk gewinnt durch zahlreiche Neubauprojekte als Wohnbezirk immer größere Bedeutung. Kehrseite des Booms ist die massive Verringerung der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen, die zunehmend verbaut werden. Damit einhergehend natürlich auch ein Trend, den es zwar überall im Land gibt, der hier aber besonders deutlich wird: es gibt immer weniger Bauernhöfe. Die übrig gebliebenen Voll-erwerbsbauern im Bezirk kann man an einer Hand abzählen und ihre Hauptnutzflächen liegen nicht mehr im Stadtgebiet. Längst sind sie ausgelagert in die Umlandgemeinden wie zum Beispiel Seiersberg-Pirka. Wobei das Dasein als „Stadtbauer“ nicht nur Schattenseiten hat. „Wir sind hier viel näher beim Konsumenten. Für den Ab-Hof-Verkauf ist das ein großer Vorteil“, bestätigt Markus Pohlhammer, einer der letzten Vollerwerbsbauern in Straßgang. Rücksichtnahme ist hier in dicht besiedeltem Gebiet natürlich besonders angesagt. „Jauche führen wir nur kurz vor angesagtem Regen, um die Geruchsbelästigung so gering wie möglich zu halten – und das am besten montags, weil da das nahe gelegene Restaurant geschlossen hat.“ Apropos nahe gelegen: auch die wirtschaftliche Infrastruktur von Straßgang ist noch vielfach dörflich geprägt. Im Zentrum haben sich viele kleine Gewerbetreibende gehalten. Sie sind ein nicht unwesentlicher Faktor für die Lebensqualität dieses Bezirkes.

Lebendiges Brauchtum

Der Name Straßgang hat übrigens nichts mit Straßen zu tun, obwohl man das angesichts des teils heftigen Einzugsverkehrs über die Strassganger- und vor allem die Kärntnerstraße vermuten könnte. Straža, das alpenslawische Wort für Wachturm, gab diesem Dorf am Fuße von Buchkogel und Florianiberg seinen Namen. Zur Stadt geworden ist Straßgang 1938, als es zusammen mit weiteren damals unabhängigen Umlandgemeinden wie St. Peter oder Andritz mit der Stadt Graz zu „Groß Graz“ vereinigt wurde. Sehr viel älter ist das Wahrzeichen von Straßgang. Die Kirche „Maria im Elend“ ist Zentrum eines Pfarrbezirkes, dessen Grenzen weit ins Umland reichen. Rund um das mittelalterliche Gotteshaus lebt ein religiöses Brauchtum, das seinesgleichen in der Stadt und teilweise auch am Land sucht. Gerade in der Osterzeit wird deutlich, wie sehr die Menschen hier in diesem Bezirk noch mit den Gebräuchen verbunden sind. Der rege Besuch der Osterspeisensegnung ist ein eindrucksvoller Beweis dafür. „Wobei aber auch hier immer weniger Menschen bereit sind, ein Ehrenamt zu übernehmen“, wie Marianne Büchsenmeister von der Pfarre Straßgang einschränkend anmerkt. Punktuell wird aber gerne mitgearbeitet, bestätigt sie. Zum Beispiel, wenn es Feste zu organisieren gibt.

 

Aktive Vereine

Auch abseits des religiösen Lebens mit all seinen Festen gibt es hier so ziemlich alles, was ein richtiges Dorf ausmacht. Vor allem die Anzahl und Vielfalt der Vereine kann sich sehen lassen. Etwa den Eisschützenverein, der sich immer größerer Beliebtheit bei den „Zuzüglern“ erfreut oder eine Trachtenmusikkapelle mit derzeit 26 Musikern, in der musikalischer Nachwuchs jederzeit herzlich willkommen ist. Ein wichtiger Teil des Vereinslebens in Straßgang ist der Kameradschaftsbund. Fast 300 Mitglieder zählt er und „auch viele junge“, wie Obmann Franz Pratter stolz hinzufügt. Jung und wild – das Stichwort für die Straßganger Perchten: Sie gibt es seit fast 20 Jahren und ihr Wirkunsgkreis reicht weit über den Bezirk hinaus. Sie werden für Auftritte im ganzen Land gebucht und sind nicht nur im Winter rund um die Weihnachtszeit, also zur „Perchten-Hochsaison“ aktiv. Derzeit laufen die Vorbereitungen für das Maibaumaufstellen. Wie es sich halt gehört in einem Dorf. Auch wenn es in der Stadt ist.

03-Osterspeisensegnung

Straßgang hat sogar ein eigenes Kulturzentrum (links) und der rege Besuch der Osterspeisen-Segnung ist ein Beweis dafür, dass Traditionen noch eine große Rolle spielen.

 

 

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